{"id":770,"date":"2016-04-15T17:14:39","date_gmt":"2016-04-15T15:14:39","guid":{"rendered":"http:\/\/roemer.hamburg.de\/?p=770"},"modified":"2016-04-17T23:03:40","modified_gmt":"2016-04-17T21:03:40","slug":"770","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/roemer.hamburg.de\/?p=770","title":{"rendered":"Latein, eine gerechte Sprache"},"content":{"rendered":"<p>Lateinunterricht n\u00fctzt, davon sind wir am Johanneum seit jeher \u00fcberzeugt. Dass er aber auch und ganz besonders sinnvoll ist f\u00fcr Kinder, deren Herkunftssprache nicht Deutsch ist, konnte <strong>Stefan Kipf<\/strong> in seinem Vortrag \u201e<strong>Lateinunterricht und Sprachbildung\u201c<\/strong> auf Einladung des Arbeitskreises \u201eDie R\u00f6mer\u201c am 14. April 2016 eindrucksvoll belegen. Mit seinen Projekten an verschiedenen Partnerschulen in sogenannten Brennpunktvierteln \u00a0engagiert sich der Professor f\u00fcr Didaktik der Alten Sprachen von der Humboldt-Universit\u00e4t Berlin seit Jahren daf\u00fcr, das Fach aus der traditionellen Ecke mitten ins Zentrum der aktuellen didaktischen Diskussion zu r\u00fccken.<br \/>\n<!--more-->Latein, das sei doch nur etwas f\u00fcr h\u00f6here St\u00e4nde, f\u00fcr Kinder aus bildungsnahen, b\u00fcrgerlichen Haushalten. So oder \u00e4hnlich ist es oft zu h\u00f6ren, wenn in der Bildungspolitik und in der Presse \u00fcber den F\u00e4cherkanon an deutschen Schulen debattiert wird. Dabei offenbart schon ein Blick auf die nackten Zahlen, dass dies nicht oder nicht mehr stimmt. Die Familienstrukturen sind bunt gemischt, je nach Bundesland, Stadt oder Viertel sitzt in den Gymnasialklassen auch eine mal kleinere, mal gr\u00f6\u00dfere, aber j\u00e4hrlich wachsende Menge Kinder nichtdeutscher Herkunftssprache. In Berlin sind es beispielsweise aktuell rund ein Viertel aller Gymnasiasten, Tendenz steigend. Von diesen Gymnasiasten lernen dann auch nicht wenige Latein.<\/p>\n<p>Zum Gl\u00fcck, kann man vielleicht sagen, wenn man sich die Ergebnisse der brandneuen (und bundesweit ersten) empirischen Studie anschaut, die Professor Kipf im Johanneum vorstellte. Diese aufwendige zweij\u00e4hrige Forschungsarbeit hatte \u2013 knapp zusammengefasst &#8211; folgendes Ergebnis: Die Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler, die Latein als zweite Fremdsprache lernen, haben einen signifikant h\u00f6heren Lern- und Leistungszuwachs in der globalen Sprachkompetenz als die Vergleichsgruppe, die eine andere Fremdsprache gew\u00e4hlt hatte. Und schulischer Erfolg steht und f\u00e4llt nun einmal mit der Sprachkompetenz, das ist sp\u00e4testens seit Pisa wohl unumstritten. Was aber hat nun der Lateinunterricht, was andere nicht haben?<\/p>\n<p>Kipf stellte dies ausgehend von den Gegebenheiten an der Partnerschule seines Instituts vor, dem Ernst-Abbe-Gymnasium in Berlin-Neuk\u00f6lln. Mehr als 90 % der Sch\u00fcler sind hier nichtdeutscher Herkunftssprache. Um dies aufzufangen, setzt die Schule \u2013 neben Englisch und Franz\u00f6sisch \u2013 verst\u00e4rkt auf Latein. Das kommt an, wie die Zahlen belegen: 67 % der Abiturienten verlassen die Schule mit dem Latinum. Denn die oft als tot verschriene Sprache hat einen entscheidenden Vorteil. Eben weil niemand sie mehr spricht, hat auch keiner Vorkenntnisse, alle starten bei Null. Latein ist also zun\u00e4chst einmal, wie der Wissenschaftler es formulierte, eine gerechte Sprache.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus punktet Latein auf vielen Ebenen, und zwar auf solchen, die in der Forschung zu Deutsch als Zweitsprache (DaZ) schon lange Kriterien f\u00fcr gelingende Sprachvermittlung sind. Es wird \u00fcber Sprache gesprochen, Grammatikvermittlung findet immer explizit statt, so w\u00e4chst das Sprachbewusstsein. Der kontrastive Sprachvergleich ist durchg\u00e4ngiges Unterrichtsprinzip, die Unterrichtssprache ist Deutsch, durch die \u00dcbersetzungsarbeit werden stetig Texte produziert. Kipf zeigte sich w\u00e4hrend seines Vortrags immer wieder begeistert \u00fcber die Parallelen zwischen der Alten Sprache und DaZ, die lange Zeit schlicht nicht gesehen wurden, weil sie kein Forschungsgegenstand waren.<\/p>\n<p>Dabei m\u00fcsse der Lateinunterricht keineswegs etwas von seinem fachlichen Anspruch aufgeben, betonte der Didaktikexperte. Nein, gerade weil Latein zu lernen manchmal auch hart und schwierig sei, k\u00f6nne es die Sch\u00fcler weiterbringen. Der Exaktheitsanspruch des Faches sei entscheidend auch f\u00fcr den Erfolg auf dem Gebiet der Sprachbildung.<\/p>\n<p>Ein typisches Ph\u00e4nomen aus dem Bereich der modernen Fremdsprachen kann das illustrieren: Man wei\u00df ein Wort oder eine Wendung nicht, versucht es deshalb zu vermeiden und sucht nach Ersatz in einfacheren Strukturen, die man schon beherrscht. Gerade diese Vermeidungsstrategie funktioniert beim \u00dcbersetzen aus dem Lateinischen ins Deutsche nicht: Der Sch\u00fcler kann sich nicht entziehen, er muss, um dem fachlichen Anspruch zu gen\u00fcgen, eine treffende deutsche Wendung finden.<\/p>\n<p>Klassische Stolpersteine des Deutschen wie zum Beispiel der Gebrauch von bestimmten und unbestimmten Artikeln oder die Verwendung der richtigen Pr\u00e4positionen k\u00f6nnen im Lateinunterricht hervorragend thematisiert werden. Das geschieht nat\u00fcrlich auch bisher schon, mal mehr, mal weniger intensiv. Wichtig sei es aber jetzt, so Kipf, die neuen Erkenntnisse gezielt und systematisch auch f\u00fcr den Bereich der Sprachbildung im Fachunterricht zu nutzen, mit neuen Aufgabentypen und sprachsensiblen Lehrwerken. Das gelte auch und besonders in diesen bewegten Zeiten angesichts der vielen Fl\u00fcchtlinge, die derzeit nach Deutschland kommen und hier eine neue Heimat suchen.<\/p>\n<p>So konnte Professor Kipf an diesem Abend wunderbar zeigen, dass Latein zwar Jahrtausende alt ist, aber durch seine besondere integrative Kraft aktueller denn je. Bleibt zu hoffen, dass diese neue Kraft der Alten Sprache nicht nur an den Universit\u00e4ten, sondern auch in der zweiten Phase der Lehrerausbildung und in der Bildungspolitik Eingang findet. Dann hat Latein eine ganz neue Chance, sich im bildungspolitischen Diskurs weiterhin zu behaupten.<\/p>\n<p>Ulrike Schmitz<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lateinunterricht n\u00fctzt, davon sind wir am Johanneum seit jeher \u00fcberzeugt. Dass er aber auch und ganz besonders sinnvoll ist f\u00fcr Kinder, deren Herkunftssprache nicht Deutsch ist, konnte Stefan Kipf in seinem Vortrag \u201eLateinunterricht und Sprachbildung\u201c auf Einladung des Arbeitskreises \u201eDie R\u00f6mer\u201c am 14. April 2016 eindrucksvoll belegen. 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